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Böhmische Flüchtlinge von Paul Daniel

Veröffentlicht am 29.10.2016

Danke Paul.  Du warst ein grosser Mann . Ich habe dich geehrt und bewundert. Georg

Kurze Geschichte der böhmischen Flüchtlinge in Friedrichsgrätz

Paul Daniel

Inhalt

I. Vorwort

II. Von Jesus Christus bis Johannes Hus

III. Von dem Tode des Johannes Hus bis zur Niederlage der Böhmen 1620

IV. Die Verfolgung der Evangelischen in Böhmen und Mähren

V. Die schlesischen Kriege und die Fluchtbewegung

VI. Die Gründung und das Leben in Friedrichsgrätz bis zum ersten Weltkrieg

VII. Die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen

VIII. Die Niederlage der Deutschen im zweiten Weltkrieg und die Folgen

 

I. Vorwort.

Warum soll man die Vergangenheit noch einmal hervorholen und lange Geschehenes ins Bewusstsein rufen? Gott hat eine Geschichte gehabt mit den Vorfahren die uns hilft die Gegenwart besser zu verstehen und die eigene Identität richtig zu beurteilen.

Geschichtslos ist Gesichtslos!

Nur wer seine eigene Geschichte kennt, kann daraus für die Zukunft lernen.

Danken möchte ich allen die mir geholfen haben. Mein besonderer Dank gilt meiner Nichte Lydia Steinbach.

Nürnberg, den 01. 07. 1997 Paul Daniel

 

II. Von Jesus Christus bis Johannes Hus

Das eigentliche Christentum beginnt mit Jesu Auferstehung. Nach der Himmelfahrt versammelten sich 120 Menschen in Jerusalem, die an Jesus als den Messias glaubten. Zu Pfingsten, der Geburtsstunde der christlichen Kirche, kam der Heilige Geist auf die versammelten Gläubigen.

Das Christentum wurde am Anfang nur von Laien getragen. Es gab keine Bibelschulen, keine Seminare oder Theologische Fakultäten. Paulus lehrte Timotheus, Petrus - Markus, Lukas - Theophilus, u. s. w. Die ersten Christen versammelten sich in Häusern, Verstecken oder im Freien. Trotz Verfolgung hat sich das Christentum im ganzen Römischen Reich, mehr oder weniger schnell, ausgebreitet.

Schon am Ende des ersten Jahrhunderts begannen sich jedoch bestimmte Strukturen zu entwickeln mit Ämtern und Lehrmeinungen. Diese Entwicklung verstärkte sich noch, als Kaiser Theodius 380 das Christentum endgültig zur Staatsreligion erhob. Menschen wurden zu Christen nicht mehr nur aus Überzeugung ,sondern eben auch aus Berechnung. Ein Amt in der Kirche war nicht mehr mit Hingabe und Verfolgung verbunden, sondern mit Ansehen und Macht.

Da das römische Reich von Rom aus regiert wurde und Apostel Petrus als erster Bischof der christlichen Gemeinde in dieser Stadt war, was lag da näher als, dass auch der Gemeindevorsteher -der Bischof von Rom -zur Autorität für das gesamte Christentum wurde.

Leo der Große, von 440 - 461 Bischof zu Rom, wird als der Begründer des Papsttums angesehen. Das römische Reich wurde damals von germanischen Stämmen bedrängt. "In dieser Zeit des Zusammenbruchs brauchen wir eine starke zentrale Ordnungsmacht und das kann nur der Papst von Rom sein sagte Leo der Große." (Stemberger S. 178)

Die Kirche gewann im Mittelalter immer mehr an Macht. Kein König und kein Kaiser konnte ohne die Zustimmung des Papstes regieren. (Beispiel: Canossa Gang 1077 - Heinrich IV contra Papst Gregor VII) Der Papst wurde am Gipfel der Macht der Herr der Welt genannt und als Papstkaiser gefeiert.

Je mächtiger das Papsttum und die Kirche wurde um so mehr verweltlichte sie. Es ging oft mehr um Macht, Geld, Bestechlichkeit und Intrigen, als um Christusnachfolge, und Menschenliebe. Nur die Priester konnten für Lebende und die Toten Sündenvergebung vermitteln. Statt Gnade und Vergebung mussten gute Werke und Gelübde erfüllt werden.

Christus wurde nur noch als der gefürchtete Weltenherrscher gepredigt. Hilfe und Fürsprache suchte man bei den Heiligen, den Schutzpatronen, den Nothelfern, oder bei Maria der Himmelskönigin.

Der Papst verwaltete den Überschuss an guten Werken der Kirche, die sie durch Märtyrer, Mönche und andere Heilige angesammelt hatte. Diese verkaufte er dann durch ausgewählte Mönche an Menschen die dadurch ihre Strafe im Fegefeuer mildern oder je nach Bezahlung ganz erlassen bekamen. (sog. Ablasshandel) Der Reliquienkult blühte, und die Menschen lebten in großer Furcht vor Gottes Richterzorn.

Aber es gab in dieser dunklen Zeit auch Männer und Frauen, die aufgrund des Lesens der Bibel, die Kirche zu erneuern versuchten.

Dazu gehörte u.a. :

Petrus Waldus in Frankreich

John Wiclif in England

Johannes Hus in Böhmen

Girolamo Savonarola in Italien

 

Bis auf Wiclif starben alle den Märtyrertod. Die Kirche duldete keine Erneuerung. Johannes Hus starb 1415 in Konstanz den Flammentod.

 

III. Von dem Tode des Johannes Hus bis zur Niederlage der Böhmen 1620

Das ganze Volk der Böhmen und Mähren wurde von der Reformation des Johannes Hus erfasst. Fast 90% des Volkes bekannten sich zu den "Hussiten". Diesen Aufstand wollte der Papst und der deutsche Kaiser nicht dulden. Fünf Kreuzzüge wurden organisiert, ohne dass die Hussiten geschlagen werden konnten. Erst durch ihre eigene Uneinigkeit wurden sie besiegt.

Angesichts des furchtbaren Mordens und Leidens in den Hussitenkriegen schlossen sich, 42 Jahre nach dem Tod von Johannes Hus, 1457 in Kunwald Männer und Frauen zusammen, zu einer Gemeinschaft "der Brüder und Schwestern des Gesetzes Christi". (Der späteren Brüderunität - Jednota bratrska)

Sie lehnten jede Gewaltanwendung ab. Kein Mord, oder Totschlag, - Liebe ohne Rache - war ihre Losung. Ihre Gemeinschaft gründeten sie wie die Urkirche nur auf Christus. Drei Begriffe prägten die Gemeinschaft. Glaube an die großen Heilstaten Gottes, Liebe als Aufgabe in der Wirklichkeit in der wir leben und Hoffnung wofür ist unsere Bestimmung.

In einer Zeit relativen Friedens wurde bereits 1541 ein Liederbuch (Lieder zum Lobe Gottes) herausgebracht und 1594 ist die Bibel ins Tschechische übersetzt und gedruckt worden.

Auch Martin Luther bekannte nach sorgfältiger Prüfung. "Seit den Tagen der Apostel hat es keine Kirche gegeben, die sich in ihrer Lehre und in ihren Gebräuchen klarer dem Geist des apostolischen Zeitalters genähert hat, als die Böhmischen Brüder". (Hasse S. 21)

Zum angestrebten Zusammenschluss kam es aber nicht. Luther erklärte damals: "Seid ihr die Apostel der Böhmen, ich und die Meinigen wollen die Apostel der Deutschen sein und gemeinsam wollen wir das Werk Christi treiben." (Korthaase S. 12) Nur kurz dauerte die relative Freiheit der Bruderkirche.

 

IV. Die Verfolgung der Evangelischen in Böhmen und Mähren.

Nach der Niederlage der Evangelischen 1620 am Weißen Berg bei Prag setzte die Gegenreformation ein. Schon 1627 kam ein Gesetz heraus, das nur "die römisch-katholische Kirche" als einzige Religion im Lande der Böhmen und Mähren erlaubte.

Schwerste Verfolgungen brachen an. Mit Hilfe einer verwilderten Soldateska und der Jesuiten ging Kaiser Ferdinand II rücksichtslos gegen die Evangelischen vor. Männer, Frauen und Kinder, die sich nicht zum Katholizismus bekannten, wurden ins Gefängnis geworfen. Tausende starben an den Folgen dieser Verfolgung oder an der Folter. Wieder andere wurden aus ihrer angestammten Heimat vertrieben, oder verließen freiwillig , oft unter Lebensgefahr,1 das Land. Sie siedelten sich in Polen, Ungarn, Preußen oder Sachsen an.

"Sieh, wie das Land aussieht; wo früher 100 000 Bauernhöfe waren, sind es jetzt kaum

30 000. Wo sind die sauberen Dörfer? Jetzt nur noch verfallene Ruinen! Diese Verbrechen, dieser Strom von unschuldigem Blut schmerzt mich bis in die Tiefen meiner Seele, und ich kann dieser unerhörten Verwüstung nicht mehr mit reinem Gewissen zusehen!" (Riedel, S.91), klagte Kardinal von Dietrichstein. Flehentlich bat er in seinen Briefen an Kaiser Ferdinand II in Wien um sofortige Einstellung des sinnlosen Blutbades und des grausamen Seelenmordes. Umsonst. Evangelische und Juden blieben Freiwild.

An Kirchentüren und Rathäusern waren für jedermann einsichtig folgende Texte angeschlagen: "Ich schwöre bei dem allmächtigem Gott, und der heiligen Jungfrau, dass ich nicht aus Zwang, sondern aus freiem Willen zu dem heiligen röm.-kath. Glauben zurückkehre." (Riedel S. 91)

Um den Verfolgungen zu entgehen, traten viele der katholischen Kirche bei. Im Inneren hielten sie jedoch am Glauben der Väter fest. Zum Schein besuchten sie die Kirche, hielten die Marienfeiertage und beichteten. Im Geheimen versammelten sie sich in Wäldern und auf einsamen Plätzen. Bei geschlossenen Fensterläden lasen sie aus der Kralitzer Bibel und beteten. Von Zeit zu Zeit besuchte sie aus dem Ausland ein Prediger mit Bibeln und Büchern. Er teilte das Abendmahl aus, segnete Ehen und die Kinder und stärkte die Verfolgten im Glauben. Wehe wenn er gefangen genommen wurde!

Noch 1726 wurde mit kaiserlichem Erlass "Ketzerei" zum Staatsverbrechen erklärt und harte Strafen dafür festgelegt. Je nach Schwere des Vergehens wurden die Unglücklichen z. B. zur Zwangsarbeit bis zu 3 Jahren, Auspeitschung oder zum Galeeren Dienst - was einer Todesstrafe gleich kam, verurteilt. Eltern wurden ihre Kinder abgenommen und zuverlässigen katholischen Familien oder Klöstern übergeben. Und dennoch, trotz aller Schikanen blieben viele im Herzen evangelisch.

 V. Die schlesischen Kriege und die Fluchtbewegung.

Während der drei schlesischen Kriege von 1740 bis 1763 besetzte die preußische Armee Teile von Böhmen und Mähren. Eine Fluchtwelle der unterdrückten Evangelischen aus diesen Ländern setzte nach Schlesien ein.

Die meisten der Flüchtlinge waren freie Bauern und Handwerker. Oft haben sie ein beträchtliches Vermögen in der alten Heimat zurückgelassen. "Es waren Menschen mit hohen moralischen Grundsätzen, charakterstark, mit einer tiefen Religiosität, fest verbunden in der Glaubenstradition der evangelischen Bruderkirche,. Die Besten der Besten!" (Sula S.136) Nach über 100 Jahren Verfolgung waren sie jedoch seelisch müde und körperlich erschöpft. Sie verließen unter schwierigsten Umständen die geliebte Heimat,2 obwohl sie wussten dass die Emigration ein Weg in die Armut war.

Die Gläubigen verbanden mit der Flucht jedoch drei große Hoffnungen:

Ohne Angst die Bibel zu lesen, ohne Heuchelei und Verstellung leben zu können,

in einer evangelischen Gemeinschaft mit Gleichgesinnten sein zu dürfen.

Schlesien wurde in Folge der drei Kriege preußischer Besitz. König Friedrich II von Preußen förderte die Auswanderung. Er versprach den Flüchtlingen genügend Arbeit und Verdienstmöglichkeiten. Bauern wurde soviel eigenes Land versprochen, dass sie schon nach einem Jahr ihr eigenes Brot essen könnten. Jeder Zuwanderer bekomme zusätzlich noch das begehrte Neue Testament und ein Gesangbuch in tschechischer Sprache geschenkt. Außerdem sollten für die Exulanten eigene Kirchen und Schulen gebaut werden.

Friedrich II legte kein Gewicht auf die jeweilige Religion seiner Untertanen. Für ihn zählte ihre Anzahl, ihr Gehorsam und ihr Fleiß.

Am Anfang siedelten sich die Flüchtlinge nahe der böhmischen Grenze in Münsterberg an, wo sie Arbeit und Wohnungen fanden. Mit wachsender Zahl der Emigranten wurde es eng in der Stadt. Die Armut unter den Flüchtlingen war sehr groß. Viele wanderten darum weiter nach Berlin. Dort gab es bereits eine böhmische Siedlung und bessere Arbeitsmöglichkeiten. Manche fanden eine neue Heimat in den neu gegründeten Orten Hussinetz und Friedrichstabor. Wieder Anderen wurde angeboten, sich im Krascheower Wald nicht weit von Oppeln anzusiedeln.

 VI. Die Gründung und das Leben in Friedrichsgrätz bis zum ersten Weltkrieg.

Am 25. September 1752 wurde per Erlass des Königs eine Siedlung mit den ersten 33 Familien gegründet. Die Kolonisten, wie die Flüchtlinge jetzt hießen, nannten das Dorf zu Ehren des Königs FRIEDRICHSGRÄTZ.

Jede Familie bekam durch Losentscheid 18 Morgen (ca. 4,5 Ha) Land zugeteilt. Der König sicherte den Siedlern religiöse Freiheit zu und für 10 Jahre wurden sie von allen Steuern und Abgaben befreit. Die Männer und ihre Nachkommen sollten keinen Militärdienst leisten müssen. Jede der Siedlerfamilien bekam zusätzlich eine kleine finanzielle Unterstützung und kostenlos Holz für den Bau ihrer Häuser. 100 Familien sollten in der Siedlung eine neue Heimat finden.

Der Anfang war sehr schwer. Die Urbarmachung des abgebrannten Waldes ging nur langsam voran. Aus dem Sandboden wie Asche war kaum etwas herauszuholen. Viele Flächen waren zu allem Übel noch versumpft. Man glaubte unter den Siedlern, dass es die Rache der katholischen Beamten war, "die den evangelischen Flüchtlingen den schlechtesten Boden in der ganzen Gegend zugeteilt haben." (Mican S.14) Trotz der schweren Umstände wuchs die Siedlung. Nach 3 Jahren hatte sie schon 300 Einwohner und 1765 standen bereits 90 Häuser, teilweise mit 2 Familien belegt.

Die meisten der Flüchtlinge kamen aus Nordböhmen. Nur wenige Familien wissen heute noch ihren Herkunftsort, z. B. Fam. Mally stammt aus Nepasice, Fam. Prochazka aus Kostomlaty, Fam. Novak aus Drahelic und Cermna, Fam. Sterzik aus Stence und Horni Sloupnice u.s.w.

Überwiegend gehörten sie zu der Kirche der Böhmischen Brüder. Nur unter dem Druck der Behörden, die ihnen androhten, dass sie sonst das Dorf verlassen müssten, schlossen sie sich der reformierten Kirche an. Diejenigen aber, die sich der Kirche trotzdem nicht anschließen wollten, wanderten lieber nach Berlin aus.

Der erste Pfarrer Ondrej Stetina (Andreas Stettinus) blieb 50 Jahre in Friedrichsgrätz, wo er mit 99 Jahren starb. Sein Dienst war schwer, das Gehalt klein. Die Siedler waren zu arm um ihren Pfarrer und die Kirche angemessen zu unterhalten. Noch nach 30 Jahren Dienst wohnte er mit seiner großen Familie in einem unfertigem Pfarrhaus ohne eingesetzte Fenster.

Ein Dokument von 1812 beschreibt die Kirche (die Siedler nannten sie "modlitebna" = Gebetsort) folgendermaßen: "Sie steht mitten im Dorf, aus Holz mit Spenden erbaut, ohne Orgel, die Glocke ist so klein, dass man sie nicht im ganzen Dorf hören kann." (Sterikova ,Zeme S.61)

In einem Schreiben an den Kirchenrat von 1819 lobt der Pfarrer seine Gläubigen: "Sie gehen treu zur Kirche, es gibt kaum eheliche Untreue, das Alkohol trinken ist nicht so verbreitet wie in den Nachbarorten." (Sterikova Zeme...S. 62) Die Bibel und das Liederbuch haben nicht nur an den Sonn- und Feiertagen ihr Denken und Handeln bestimmt, sondern auch den Alltag.

Bis 1875 wurde im alten Gebetshaus nur tschechisch gepredigt. Danach auf Anweisung der Behörden 4x im Jahr deutsch, später abwechselnd tschechisch und deutsch, ab etwa 1938 nur noch deutsch.

In der Schule wurde bis 1830 in tschechischer Sprache unterrichtet. Trotz des Versprechens an die ersten Siedler in eigener Sprache unterrichtet zu werden, wurde in der Schule die deutsche Sprache eingeführt. Alle Proteste der Einwohner dagegen waren ohne Erfolg, obwohl noch im Jahre 1910 keins der neu eingeschulten Kinder Deutsch sprechen konnte.

Der karge Boden konnte die großen Familien nicht ausreichend ernähren.Große Armut war ein ständiger Begleiter. Darum mussten viele einem Nebenverdienst nachgehen. Als Schuster und Weber suchten sie in den umliegenden Dörfern und Städten nach Käufern für ihre Erzeugnisse. 1845 gab es in Friedrichsgrätz z. B. 48 Schuster und 51 Stoffweber. Sehr oft mussten sie weite Strecken zu Fuß zurücklegen und ihre Ware unter Preis verkaufen, nur um Lebensmittel für die Familien einzukaufen und die Schulden, Pacht, oder Steuern zu bezahlen.

Auch die kleinsten Kinder mussten schwer arbeiten. Ohne die Mithilfe der Kinder hätten die armen Familien kaum überlebt. Die Kinder arbeiteten vor allem als Weber und Heidelbeerenpflücker. Viele Tonnen Heidelbeeren wurden in guten Jahren in den Wäldern gepflückt und an Sammelstellen oder auf Märkten der Städte verkauft.

Um Platz für die großen Familien und die neuen Siedler zu schaffen, mussten neue Dörfer gegründet werden.

1776 MÜNCHHAUSEN 

1832 PETERSGRÄTZ 

1904 WILHELMSHORT 

Alle vier Dörfer hatten die gleichen Vorfahren (böhmische Flüchtlinge) und in etwa dieselben Sitten und Bräuche.

Die ersten Häuser in Friedrichsgrätz waren alle aus Holz gebaut. Der Friedhof wurde ca. 1 Km vor der Ortschaft angelegt. Da die Gemeindeverwaltung arm war, mussten am Anfang die Hinterbliebenen das Grab für ihre Toten selber ausschaufeln.

Erst 1890 wurde eine neue Kirche aus roten Ziegelsteinen gebaut. Die Gemeinde musste für den Bau ein Darlehen von 15 000 Mk aufnehmen. (1945 im Jahr der Flucht war die letzte Rate dafür fällig.) Dazu kamen 13 000 Mk Spendengelder aus ganz Deutschland. 2,40 Mk musste jede Kolonisten-Familie zum Neubau der Kirche beitragen, die "Halbkolonisten" zahlten die Hälfte, die Besitzlosen mussten nur 50 Pfg. zahlen.

Friedrichsgrätz hatte damals 1430 Einwohner. Man rechnete damit, dass etwa die Hälfte davon am Sonntag den Gottesdienst besuchen würde. Darum wurden 310 Sitzplätze errichtet und noch einmal so viele Stehplätze.

8x im Jahr wurde das Abendmahl gefeiert. Da die Kirchengemeinde auch arm war, wurde von den Teilnehmern des Mahls ein Beitrag für Brot und Wein erhoben.

Die neue Schule ist 1895 errichtet worden, und 1906 endlich das neue Pfarrhaus.

Das ganze Dorfbild veränderte sich nach den beiden großen Bränden. 1894 brannte 1/4 der Holzhäuser ab. 10 Jahre später vernichtete das Feuer fast den ganzen Rest des alten Dorfes. Mit großem Fleiß und eiserner Sparsamkeit baute man daraufhin Ziegelhäuser, wie sie heute noch stehen.

Die wirtschaftliche Situation besserte sich nur langsam.Wer von den Männern Zuhause keine Arbeit fand, suchte sie in den deutschen Großstädten Berlin oder Leipzig. Beim U-Bahn-, Straßen- oder Kanalbau verdienten sie bei schwerster Arbeit ihren Lohn.Die jungen Mädchen verdienten ihr Geld als Waldbebpflanzerinnen,Straßenbauerinnen oder als Mägde bei Großbauern in Sachsen Anhalt, Bayern und Mecklenburg.

 

VII. Die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen.

Langsam aber sicher setzte sich der deutsche Einfluss durch. Man kann sagen sie wurden gute deutsche Staatsbürger. Dazu hat sicher die katholisch-polnische Umgebung beigetragen. Im sog. Polenputsch 1921 stellten sich fast alle Bewohner von Friedrichsgrätz geschlossen auf die Seite der Deutschen (von 1252 Wahlberechtigten stimmten nur 13 für den Anschluss an Polen).

Im ersten und im zweiten Weltkrieg kämpften und starben sie aus Überzeugung für das deutsche Vaterland. Leider mussten sie auch gegen ihre eigenen Glaubensbrüder aus Zelow (Polen) und Michajlowka (Russland) kämpfen. Bedingt durch die politischen Veränderungen wurden sie jetzt zu Feinden.

Nach dem ersten Weltkrieg setzte sich allmählich auch die deutsche Sprache durch. Meine Generation sprach nur noch Deutsch. (z. B. unsere Eltern sprachen untereinander und mit den Großeltern Tschechisch, mit uns jedoch nur Deutsch.)

In den 20er Jahren ist eine geistliche Erweckung ausgebrochen. Viele kamen zu einem lebendigem Glauben an Jesus Christus. Sie schlossen sich der neu entstandenen Pfingstgemeinde an. Ca. 200 Personen, darunter viele junge Menschen, füllten den Versammlungsraum der Gemeinschaft. Es gab einen großen Gesangschor mit vielen Musikern. Alle blieben jedoch weiter in ihrer Kirche, sie ließen sich dort taufen, konfirmieren, trauen und beerdigen. Kirchenleben und Religiosität sind so bis in die Neuzeit lebendig geblieben.

Friedrichsgrätz war ein schönes Dorf, mittendurch der Bach,umrahmt von Lindenbäumen. An einem Ufer des Baches verlief die Hauptstraße, auf der anderen Seite, parallel dazu ein breiter Weg. Regelmäßig angeordnet, reihten sich die Häuser aneinander, die schnurgerade Straße und den Weg entlang.Hinter den Häusern standen Schuppen, Scheunen und Ställe.

Vor jedem Haus war ein Garten mit vielen Blumen. Die Bewohner umliegender Orte nannten darum Friedrichsgrätz auch Liebesgrätz. Vor den Gartentoren standen Bänke, auf denen sich die alten Frauen und Männer unterhielten, oder einfach ausruhten und das Dorfleben beobachteten.

Die Soldaten, die beim Polenfeldzug 1939 in Friedrichsgrätz Rast machten, meinten, es sei das schönste Dorf das ihnen auf der ganzen Fahrt begegnet ist.

Handwerklich war Friedrichsgrätz unabhängig, - Bäcker, Fleischer, Schuster, Schmiede und Schneider - alles war vorhanden. Allerdings hat es im Dorf, trotz der zuletzt 2000 Einwohner, nie einen eigenen Arzt gegeben, sondern nur eine Gemeindekrankenschwester (zuletzt war es Schw. Gertrud, eine Diakonisse der "Mutter Eva" Anstalten). Müllabfuhr gab es auch keine, alles wurde wiederverwertet.

Die meisten Ehen wurden untereinander geschlossen.Kaum einmal fand ein Fremder Zugang zur Dorfgemeinschaft.Viele waren miteinander verwandt und verschwägert. Im Dorf gab es nur Tanten und Onkels. Das förderte natürlich auch das Zusammengehörigkeitsgefühl.

Es entwickelte sich eine Sprachinsel mit Wörtern die es sonst nirgendwo in der Welt gab.

Wegen der vielen gleichen Namen, kannte man sich eher unter verschiedenen Bei- oder Spitz- Namen.

VIII. Die Niederlage der Deutschen im zweiten Weltkrieg und die Folgen

Im Januar 1945 mussten die meisten der über 2000 Einwohner flüchten. Nur Einzelne sind geblieben und haben den Einmarsch der Russen und später die polnische Besatzung miterlebt. Dieses war eine sehr schwere Zeit.

Deutschland verlor den zweiten Weltkrieg. Schlesien, (und damit Friedrichsgrätz, Petersgrätz, Münchhausen und Wilhelmshort) mussten in Folge der Niederlage Deutschlands an Polen abgegeben werden. Die leeren Häuser und Bauernhöfe wurden mit Polen aus Galizien (sog. Hadschaje - selbst Vertriebene) besetzt. Heute sind es alles restlos polnische Dörfer mit einer katholischen Bevölkerung.

Die ehemaligen böhmischen Flüchtlinge mussten wieder einmal Heimat, Hab und Gut verlassen. Sie erinnerten sich ihrer Böhmischen Vorfahren und viele siedelten sich deshalb in der Tschechei an. Besonders in den Städten Nejdek, Chodov und Umgebung (ehemaliges Sudetenland) fanden sie eine neue Bleibe. Die Tschechen nannten sie Slezaci - die Schlesier -. Manche beschimpften sie sogar als deutsche Faschisten.

Sobald es die Umstände erlaubten, siedelten die meisten von ihnen in die Bundesrepublik Deutschland über. Zurückgelassen hat fast jede Familie ein oder mehrere Gräber.

Heute leben Sie an vielen verschiedenen Orten in Deutschland, so zum Beispiel in Braunschweig, Frankfurt, Nürnberg und Schorndorf, doch sogar auch in Kanada und Australien wohnen einige der ehemaligen Flüchtlinge. Durch ihren sprichwörtlichen Fleiß und ihre Sparsamkeit, haben sie wieder Wohnungen und Häuser gebaut.

Die jungen Leute sprechen kein tschechisch mehr. Sie fühlen sich als Deutsche, Kanadier, oder Australier. Bald wird die alte Heimat in Schlesien vergessen sein. An Ihre böhmischen Vorfahren, die so viel um des Glaubens willen gelitten haben, sollten sie sich aber dennoch erinnern und dazu soll diese Schrift eine Hilfe sein.

 

Sterbend haben unsere Vorfahren nicht nur ihr Erbe verteilt,

sondern dazu ihren Segen weitergegeben.

Sie haben ihre Äcker bestellt, ihre Herden gehütet,sie haben all ihre Arbeiten getan und Gott um seinen Segen gebeten.

Das ist ein Segen! (Aus "Leben weitergeben")

 

Literaturhinweise:

Sternberger 2000 Jahre Christentum (Pawlak Herrsching 1983)

Korthaase Das Böhmische Dorf in Berlin - Neukölln 1737 -1987 (Hentrich Berlin 1987)

Riedel Der Zukunft verschworen (Evang. Verlagsanstalt Berlin 1975 )

Hasse Die Brüder in England (Ludwig Appel Hamburg 1951)

Hlavnicka To jsou ti, kteri přišli z velikého souženi (unbekannt)

Mičan Ve Vyhnanství (Biblická Jednota Brno 1924)

Sterikova Země otců (Spolek exulantů Praha 1995)

Sterikova Z nouze o spasení (Kalich Praha 1992)

Sula Vychodočeský sborník historický 4 1994

 

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